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Die Liebes-Lüge und Irrtümer in sich

Liebe und Sexualität untrennbar miteinander verbunden sind

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Liebe und Sexualität wirklich so eng zusammengehören, wie wir oft glauben? In diesem Artikel erfahren Sie, warum die Liebes-Lüge ein weit verbreiteter Irrtum ist und wie Sie sich davon befreien können. Sie lernen, wie Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche erkennen und ausdrücken können, ohne sich von gesellschaftlichen Normen oder Erwartungen einschränken zu lassen. Sie entdecken, wie Sie eine erfüllende Beziehung zu sich selbst und zu anderen aufbauen können, die nicht von der sexuellen Anziehung abhängt. Lassen Sie sich überraschen, wie viel Freiheit und Glück Sie gewinnen können, wenn Sie die Liebes-Lüge hinter sich lassen.

Eine weitverbreitete Liebeslüge ist, dass „Liebe und Sexualität untrennbar miteinander verbunden sind“.

Die Konsequenzen dieser Aussage lauten: Wer sich liebt, muss sich auch begehren. Wer den Partner nicht begehrt, liebt ihn nicht. Er liebt ihn nicht wirklich, nicht richtig, nicht wahrlich.

Der Begriff der Liebe wird dabei in einer ganz bestimmten Bedeutung gebraucht, nämlich als verpflichtende, partnerschaftliche und sorgende Liebe. Nur diese, in eine Lebenspartnerschaft eingebettete, umfassende Liebe soll nach Meinung vieler Experten als »wahre« oder »echte« oder »reife« Liebe gelten.

Dem modernen Beziehungsideal gelang es aber, nicht nur die Sexualität für sich zu beanspruchen, sondern darüber hinaus auch, die Liebe für sich zu reservieren. Seither gibt es im Bewusstsein der Öffentlichkeit und der meisten Paare nur noch diese »eine Liebe«. Der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt schreibt:

Mittlerweile hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass Sexualität und Liebe zusammengehören, das heißt... die Auffassung, dass Sexualität besonders intensiv und erfüllend ist, wenn sie in Liebe geschieht, und dass Liebe sexuellen Ausdruck benötigt, um sich verwirklichen zu können.

Folgt man diesem Ideal, ist schwindende Sexualität grundsätzlich auf den Rückgang der Liebe in Partnerschaften zurückzuführen. Dann gilt: Wer sich liebt, hat Sex, und wer keinen Sex mehr hat, der liebt sich nicht mehr.

Der Sexualmediziner Hartmut Bosinski—antwortet unter der Überschrift »Wie viel Sex benötigt die Liebe?« in einem Zeitungsinterview auf die Frage »Also ohne Sex keine Liebe?« folgendermaßen: »Sicher. Denn neben der Funktion der Fortpflanzung und Lustbefriedigung ist Sex die engste Form der Kommunikation zweier Menschen. Es gibt keinen gleichwertigen Weg, einer Person so nahezukommen … Das Baby, das nicht im Arm der Mutter liegt, verkümmert. Ähnlich geht es Erwachsenen, die diese Bindungssehnsucht nicht befriedigen können.

Bosinski vertritt in diesem Interview viele vernünftige Standpunkte, beispielsweise solle man sich zum Sex nicht zwingen. Und trotzdem: ohne Sex keine Liebe? Dann lieben sich Millionen Paare nicht oder nicht genug. Erwachsene verkümmern ohne die körperliche Nähe durch Geschlechtsverkehr? Dabei gibt es ganz andere Formen der Nähe, etwa die zur Natur, zu Gott oder zu sich selbst. Wieder einmal wird etwas, das auf manche Paare zutreffen kann, verallgemeinert und damit zur Liebeslüge.

Liebe frei von Bindung und Verpflichtung, Begehren frei vom Wunsch nach partnerschaftlicher Beziehung, Leidenschaft außerhalb der Lebenspartnerschaft, Lebenspartnerschaft frei von Sexualität – alles, was nicht zum Ideal der »einen Liebe« passt, gilt infolge der zweiten Liebeslüge als egoistisch oder unreif und wird auf die eine oder andere Weise abgewertet. Was immer es ist, auf jeden Fall ist es keine »Liebe«.

Um die zweite Liebeslüge zu entflechten, scheint es mir nötig, die beiden Begriffe Liebe und Sexualität in ihren vergangenen und gegenwärtigen Bedeutungen zu betrachten. Was wurde und wird unter Liebe und Sexualität verstanden? Welche Erscheinungsformen der Liebe und welche Dimensionen in der Sexualität gibt es? Beginnen wir zunächst mit der Liebe, um später die Sexualität zu betrachten.

Gibt es die »eine« Liebe?

Die folgende Sammlung von Kurzdefinitionen der Liebe zeigt, wie unterschiedlich die Liebe zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Perspektiven heraus aufgefasst wurde und wird.

Der römische Dichter Properz lobt die leidenschaftliche Liebe: »Ach wie liebe ich diese von allen Schranken Freie, die mit halb offenem Gewand einherschreiten … und nicht zimperlich allerhand Umstände macht, wenn jemand ihr winkt.«—

Der Apostel Paulus definiert Liebe: »Die Liebe ist langmütig, gütig ist die Liebe, die Liebe ist nicht eifersüchtig, sie prahlt nicht, sie ist nicht aufgeblasen … sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie kann nicht erbittert werden, sie trägt nicht nach … Alles deckt sie zu, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles erträgt sie.

Bei den Römern finden wir eine von den Schranken der Geschlechtsbindung befreite, sexuelle und erotische Liebe: »Und Cicero hat die Küsse besungen, die er von den Lippen seines Sklavensekretärs raubte.

Jeder entschied sich nach seinem Geschmack für die Frauen, die Knaben oder die einen wie die anderen.«—

Der mittelalterliche Kirchenvater Hieronymus unterscheidet zwei Arten der Liebe: »Ehebrecherisch ist auch die allzu brennende Liebe für die eigene Frau. Die Liebe zur Frau eines anderen ist immer schändlich, zur eigenen Frau ist es die übermäßige Liebe. Ein vernünftiger Mann soll seine Frau mit Besonnenheit lieben und nicht mit Leidenschaft... Nichts ist schändlicher, als seine eigene Frau wie eine Mätresse zu lieben

Für Hieronymus gibt es brennende und besonnene Liebe, doch beides ist Liebe.

Warum aber ist nichts schändlicher, als seine eigene Frau wie eine Mätresse zu lieben? Weil, und das wusste schon Hieronymus, die leidenschaftliche Liebe die Ehe zerstört.

Der aus gleicher Zeit stammende Theologe Benedicti denkt ähnlich und versucht ebenfalls, die Ehe vor der leidenschaftlichen Liebe zu schützen: »Der Mann, der sich von übermäßiger Liebe hinreißen lässt und seine Frau so leidenschaftlich bestürmt, um seine Begierde zu befriedigen, als wäre sie gar nicht seine Frau und er wollte dennoch Verkehr mit ihr haben, der sündigt.

Der Theologe Theodor Bovet hält ein flammendes Plädoyer für die eheliche Liebe: »Mild und feurig, heilig und leidenschaftlich, zärtlich und geheimnisvoll, demütig und königlich, todernst und lebensfreudig, himmelweit und erdenduftig, so ist die eheliche Liebe.

Der Theologe Melchior verdammt ergänzend dazu die rein sexuelle Liebe: »Gott ist Liebe ... Wen wundert es, dass der Widersacher Gottes diesen Schatz in die Entartung zerrt?

So finden wir eine große Unterschiedlichkeit, eine lange Skala an Reinheit oder Schmutzgraden bei der Liebe und bei der sogenannten >Liebe< vor.

Der moderne Psychologe Robert A. Johnson meint: »Die Liebe ist jene Kraft in uns, die einen anderen Menschen als das, was er ist, bestätigt und schätzt.

Der Schriftsteller Botho Strauß ist dagegen überzeugt: »Denn die Liebe ist nichts ohne Pflicht, ohne Opfermut, ohne frühere Bindung ans Dasein. Sie ist nichts ohne Beruf, ohne gemeinsame Sicht der Dinge, die öffnet und birgt. Hier ist Liebe also an eine Reihe von Bedingungen geknüpft.

Moderne theologische Standpunkte lassen sich wie folgt zusammenfassen. Es gibt drei Formen der Liebe: den Sexus als fleischliche, den Eros als menschliche und die Agape als göttliche Liebe. Die jeweils niedere Form der Liebe bedarf zu ihrer Veredlung der nächst höheren; und nur wenn alle Zusammenkommen, ist wahre Liebe erreicht.

Die heute verbreitete romantische Vorstellung der Liebe meint, wahre Liebe entstehe in der Begegnung mit dem wahren Partner und sei zugleich sinnlich, seelisch, leidenschaftlich und freundschaftlich.

Der Begriff Liebe wird also auf unterschiedlichste Weise gebraucht, als leidenschaftliche, romantische, sexuelle, sinnliche, dauerhafte, egoistische, altruistische, abhängige, unabhängige, freundschaftliche Liebe, als Gottesliebe, Gattenliebe, Kindesliebe, Tierliebe, freie Liebe, wilde Liebe, harmonische Liebe und als Liebe in und außerhalb der Ehe. Natürlich spricht jeder Nutzer des Begriffs von seiner Auffassung als einzig wahrer Liebe. Doch so etwas wie »wahre Liebe« gab es nie. Liebe war immer vieldeutig.

Heutzutage übersehen wir gern ein Phänomen, das in der Geschichte der Sexualität bis ins 18. Jahrhundert hinein stets von allergrößter Bedeutung war (...): den Unterschied nämlich, den die Menschen in nahezu allen Zeiten (außer der unseren) zwischen der Liebe in der Ehe und der Liebe außerhalb der Ehe gesehen habend

Es kann daher nur Experten einfallen, angesichts dieser Fakten Definitionen »wahrer« oder »echter« Liebe zu entwerfen. Stets in der Absicht, den Begriff zu funktionalisieren und für die eigenen theologischen, moralischen, psychologischen oder therapeutischen Absichten zu nutzen.

Erscheinungen der Liebe

Definitionen und Beschreibungen der Liebe werden offensichtlich auf ein Ziel hin getroffen, und damit wird der Begriff auf die jeweilige Ideologie hin entstellt. Solche Zweckdefinitionen sind in der Lage, Partner zutiefst zu verunsichern. Da taucht alsbald die Frage auf, was denn Liebe nun »wirklich« ist, welches ihre treffendste Definition darstellt und natürlich, durch welches Verhalten sie entsteht oder gesichert werden kann.

Nun, an einer Definition des Zustandes Liebe kann man sich offenbar die Zähne ausbeißen, zumal dieser Begriff im Laufe der Geschichte einem steten Bedeutungswandel unterworfen war. Deshalb interessiert mich recht wenig, was Liebe angeblich ist, nicht ist, sein sollte oder auf keinen Fall sein kann. Wichtiger scheint mir, wie Menschen diesen Zustand erleben und beschreiben. Worauf beziehen sich Menschen, wenn sie lieben?

»Ich liebe meine Kinder – Ich liebe meinen Mann – Ich liebe meinen Hund – Ich liebe meine Arbeit – Ich liebe das Leben – Ich liebe Gott – Ich liebe die Natur – Ich liebe mein Hobby …« Liebe beschreibt eine besondere, herzliche und damit gefühlsmäßige Verbundenheit zu etwas anderem, zu etwas außerhalb des Ich. Der Zustand Liebe bedeutet: Ich bin nicht allein, ich bin verbunden. Das Herz benötigt und sucht Verbundenheit, und man kann den Drang zu lieben getrost als eines der grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse betrachten. Aufgabe der Liebe ist es also, Verbindungen zu schaffen, in welchen sich ein Mensch aufgehoben, angenommen, vereint oder positiv und angstfrei erleben kann. Solche Verbindungen mögen sich auf Menschen, Tiere, die Natur, die Existenz, das Leben oder Gott beziehen. In jedem Fall aber sind sie herzlich, warm, freundlich, zugewandt und respektvoll.

Betrachtungen und Dimensionen der Sexualität

An die Frage, was Liebe ist, schließt sich im Rahmen unmittelbar die Frage an, was Sexualität ist. Nun, dies ist eine ähnlich schwierige Frage. Betrachten wir deshalb einige historische und gegenwärtige Bemerkungen und Beschreibungen zum Thema Sexualität.

In der Theologie findet man die Sexualität kaum beschrieben. Es gibt sie weitestgehend nicht als solche, und wenn, dann nur als biologische Funktion oder als Teil von etwas Höherem. Für sich und unabhängig vom liebenden Partner ist sie unnatürlich, also beispielsweise in Form von Onanie, Begierde und als Lust um ihrer selbst willen. Theodor Bovet sagt, der Sexus »gehört in ein Ganzes hinein und wirkt widernatürlich,

wenn er für sich allein erregt und ausgelebt wird. Noch weiter geht ein anderer Theologe, indem er meint: »Die unsterblichen Seelen dürfen nicht dem Triebleben geopfert werden. Wir sind nicht auf Erden, um

uns hier auszuleben, sondern um uns den Himmel durch Opfer und Kampf zu verdienen. An dieser lustfeindlichen Haltung der Kirche hat sich auch im Jahr 2000 nichts geändert: »Sex als Selbstzweck führt zu Sucht, zu Krankheiten, zu Tod.

Eine wissenschaftliche Definition liefert der Sexualforscher Volkmar Sigusch: »Sexualität ist eine gesellschaftliche Kategorie. Menschensexualität schlechthin, >reine< Sexualität ist reine Gedankenschöpfung.

Ein anderer Sexualforscher, Martin Dannecker, hebt psychische Aspekte der Sexualität hervor: »Sexualität ist ein innerer Anspruch, dem wir uns nicht entziehen können. Dies zielt auf triebhafte und emotionale Anteile der Sexualität und bedeutet, dass Sexualität nicht zu beherrschen ist.

Alex Comfort liefert eine philosophische Betrachtung zum Thema: »Wir benötigen eine Geisteshaltung, die in der Sexualität kein ›Problem‹, sondern ein ›Vergnügen‹ sieht. Den meisten Leuten fehlt dazu die Sicherheit - und oft auch die Liebe.

Eindeutige Beschreibungen der Sexualität sind so wenig möglich wie eindeutige Beschreibungen der Liebe und erscheinen mir ob der Komplexität des Phänomens auch nicht sinnvoll. Daher möchte ich das Thema Sexualität auf ähnliche Weise erschließen wie das Thema Liebe, durch die Frage »Was soll Sexualität für die Menschen tun?« Diese Frage führt zu drei grundlegenden Aspekten menschlicher Sexualität, die ich nun näher beschreiben möchte: den triebhaften, den transpersonalen und den psychischen Aspekten.

Triebhafte Aspekte der Sexualität

Eine verbreitete Annahme betrachtet Sexualität als Ausdruck eines Fortpflanzungstriebes. Der Sexualtrieb sei biologischer Natur und habe die Aufgabe, den Bestand der menschlichen Art sicherzustellen.

Nun, wenn die Natur nur die Fortpflanzung im Sinn hätte, würden wir lediglich zyklisch, etwa alle neun Monate, Lust verspüren und wären die restliche Zeit vom Trieb und somit von allerlei Qualen befreit. Das ist aber nicht so. Sein Trieb treibt den Menschen auch und gerade unabhängig von Zeugungsaufgaben, und stets haben Menschen nach Wegen gesucht, die Zeugung zu vermeiden, ohne der Lust entsagen zu müssen, und das lange, bevor Gottes Vertreter ihnen darlegten, solches sei wieder die menschliche Natur.

Da das menschliche Sexualverhalten einer Theorie des Fortpflanzungstriebs nicht gerecht wird, scheint es sinnvoller, von einem angeborenen Lusttrieb auszugehen, der sich in sexueller Aktivität verwirklicht. Der clevere Schachzug der Natur bestände lediglich darin, zur Zeugungssicherung sowohl Ejakulation als auch Penetration ebenfalls mit Lustempfinden zu verbinden.

Die Annahme eines Lusttriebs geht allerdings über die Idee des Sexualtriebs hinaus.

Denn der Lusttrieb legt den Menschen nicht auf die Art und Weise fest, in welcher er Lust erlebt. So wäre Sexualität nur eine, wenn auch die lustvollste aller Möglichkeit, dem Lusttrieb gerecht zu werden. 

Heterosexuelle Sexualität ist im Licht des Lusttriebes ebenfalls nicht »natürlich«, sondern lediglich eine sexuelle Option. Dies wird in den sexuellen Gewohnheiten antiker Kulturen, etwa der Griechen und Römer, deutlich, wo Sexualität nicht geschlechtlich differenziert wurde und von einer Bindung der Sexualität an eheliche Institutionen überhaupt keine Rede sein konnte. Lust wurde mit Männern, Frauen, Knaben, Hetären und Kurtisanen erlebt. Wohin sich das Begehren wandte, das wurde im Grund akzeptiert.

So etwas wie eine natürliche, auf biologische Aufgaben beschränkte oder auf das Geschlechtsverhältnis zwischen Männern und Frauen abgestimmte Sexualität gibt es also nicht. Es ist allein die Gesellschaft, die

entscheidet, welche Wege dem Lusttrieb offenstehen und welche Möglichkeiten einem wie auch immer gerechtfertigten Tabu geopfert werden. Was als pervers galt und gilt, richtet sich nach den Bedingungen des Überlebens, der Ökonomie, der Ideologie, der Religion und den auf diese Grundnotwendigkeiten abgestimmten moralischen Ansichten und rechtlichen Bestimmungen.

Es ist die Gesellschaft, die das Begehren kanalisiert. Das Begehren selbst verfügt über keine feste Form und passt sich dem Wandel gesellschaftlicher Bedingungen an. Deshalb lautet der Titel des hier öfter zitierten

Sammelbandes zur Sexualität »Die Masken des Begehrens«. Würde man seinen jeweiligen Erscheinungsformen die Maske abreißen, käme darunter weder »reines« Begehren noch »natürliche« Sexualität zum Vorschein.

Würde man dem Begehren die Maske homosexueller Liebe und auch heterosexueller Liebe abnehmen, würde es eine Maske sodomischer Liebe aufsetzen und sich beispielsweise auf Tiere ausrichten. Dieser Gedanke hegt gar nicht so fern, denn immerhin gaben in Kinseys spektakulärem Sexualreport 17 Prozent amerikanischer Farmer Söhne zu, sexuelle Kontakte mit Tieren gehabt zu haben.

Verschließt man dem Begehren einfache Wege, setzt es sich auf Umwegen durch. Die Kirchengeschichte ist voll von neurotischen Entartungen, von lustvoller Selbstgeißelung der Mönche, von Nonnen, die gierig und selig das Waschwasser Aussätziger trinken, Fäkalien auflecken, Läuse und Dreck kauen, von leidenschaftlichen Folterungen und anderen kaum vorstellbaren Perversionen zur Ehre Gottes. Wer hierzu Näheres lesen will, sei an Karlheinz Deschners Buch »Das Kreuz mit der Kirche« verwiesen.

Die Geschichte zeigt, dass Begehren und sexuelle Lust nicht zu beherrschen sind, jedenfalls nicht folgenlos. Neben den gesellschaftlichen gibt es auch individuelle Dimensionen der Leidenschaft, denn innerhalb des jeweiligen gesellschaftlichen Rahmens verbleibt ein gewisser Spielraum zur Ausbildung eines individuellen Begehrens.

Die individuelle »Struktur des Begehrens« (Dannecker) entsteht, wenn sich innerer Trieb und äußere Objekte zum ersten Mal verknüpfen, also in frühen Lebenserfahrungen. Ist sie einmal entstanden, folgt die Sexualität des Menschen im späteren Leben dieser Vorlage wie einem inneren Drehbuch.

Was der Einzelne begehrt, seine sexuellen Wünsche, seine Leidenschaften, ist also in seiner Individualgeschichte festgelegt. Ist das Drehbuch seines Begehrens einmal verfasst, folgt er dessen Anleitungen und hat es daher nicht in der Hand, was ihn erregt und was ihm Befriedigung verspricht. Ob ein begehrenswerter Sexualpartner dick oder dünn ist, wie er riechen soll, wie er aussehen und wie er sich verhalten soll, das alles kann nicht willkürlich bestimmt werden. Deshalb greift der Mensch nicht nach dem Begehren, vielmehr ergreift das Begehren ihn, sobald es durch einen inneren oder äußeren Auslöser wachgerufen wird. Man fühlt, sieht, riecht, denkt oder hört etwas, das Begehren wacht auf und macht sich begehrlich, begierig auf die Suche, den Hunger nach Lust zu befriedigen.

Die triebhaften Aspekte der Sexualität, die Annahme eines Lusttriebes und seiner Ausformung in einer individuellen Begehrensstruktur, geben eine weitere Erklärung für die Schwierigkeit, Sexualität auf Dauer in der Partnerschaft zur Verfügung zu haben. Weil das Begehren individuell strukturiert ist, gehört es nicht der gemeinsamen Beziehung, sondern dem einzelnen Partner. Wie gut die Begehrensstrukturen beider Partner auf Dauer zueinanderpassen, muss sich jedoch erst zeigen.

Die Tatsache, dass es einer christlich dominierten Kultur gelang, Sexualität zumindest vom Anspruch her der Ehe zuzuordnen und sie zum Ausdruck partnerschaftlicher Liebe zu erklären, hat an diesen Abläufen nichts geändert. Denn heute, da der moralische und gesetzliche Rahmen eine drastische Erweiterung erfährt, weitet sich auch der Begehrensspielraum wieder aus und verlässt erneut, wie schon in den antiken Kulturen, die engen Schranken der Paarbeziehung.

Vielmehr scheint Sexualität oft aus der Beziehung ausgelagert zu werden

weniger in erotische Außenbeziehungen, das war eher Stil der Siebzigerjahre, sondern zum Beispiel in die Masturbation. Selbstbefriedigung und Partnersexualität existieren heute friedlich nebeneinander … Diese Tendenz ist auch bei solchen Männern und Frauen zu beobachten, die Beziehung und gemeinsame Sexualität als befriedigend erleben. Für sie ist die Masturbation weder »Ersatz« noch Kompensation, sondern eine Möglichkeit selbstbestimmter, frei verfügbarer, autonomer, heimlicher und erholsamer Sexualität.

Je weniger Verbote gelten und je mehr Wege sich öffnen, desto freier wählt das Begehren unter den verschiedenen Möglichkeiten seiner Befriedigung aus. Masturbation, Telefonsex, Partnertausch, Seitensprünge in organisierter (Seitensprungagenturen) und spontaner (Urlaub) Form, Swingerclubs, Pärchenparties, Fetischparties, Cybersex … wer will da noch von einem »natürlichen« Sexualverhalten sprechen; und den moralischen Zeigefinger zu heben, ändert an der Entwicklung nichts, auch wenn man gewillt ist, den überwiegenden Teil der Bevölkerung für sexuell pervertiert zu halten.

Nun sind Experten schnell dabei zu behaupten, solche sexuellen Aktivitäten seien bar jeder Liebe. Doch auch der Lusttrieb ist in der Lage, starke, herzliche Verbindungen zum Objekt der Begierde herzustellen. Die »brennende« Liebe ist ebenfalls Liebe. Menschen können sich lieben, ohne sich im Alltag zu verstehen. Sie können leidenschaftliche und liebevolle Sexualität miteinander erleben, ohne deshalb als Lebenspartner füreinander geeignet zu sein. Sie können sich schlicht und einfach als Sexualpartner lieben.

Deshalb ist die Behauptung, wer sich partnerschaftlich liebt, muss sich zugleich auch sexuell begehren, weil die partnerschaftliche Liebe der Sexualität als Ausdrucksform bedarf, aus dem Blickwinkel von Lusttrieb und Begehren völlig aus der Luft gegriffen. Und der Umkehrschluss, wer sich nicht begehrt, liebt sich demnach nicht, entbehrt ganz und gar jeder Grundlage. Warum sollte der Lusttrieb nach einem Eheschein fragen? Er wird die begehrte Person auch ohne diesen lieben.

Transpersonale Aspekte von Sexualität 

Betrachten wir das Phänomen Sexualität nun unter einem anderen Aspekt, dem der Leidenschaft.

Das veraltete Konzept des Sexualtriebes erklärt Sexualität durch einen gelegentlich nötigen Spannungsabbau. Menschen werden demnach sexuell aktiv, um einen organischen Überdruck loszuwerden, der ihnen vom Fortpflanzungsdrang aufgebürdet wird. Die modernere Annahme des Lusttriebes geht über diese biologische Erklärung hinaus und begreift Sexualität als eine Möglichkeit, nicht negative Zustände abzubauen, sondern im Gegenteil positive Zustände herzustellen.

Mit der sexuellen Handlung wird … ein neuer Zustand produziert … Das eigentliche Ziel der sexuellen Handlung ist nicht die Aufhebung eines Spannungszustandes, sondern die Herstellung einer darüber hinausgehenden seelischen Verfassung

Dieser gesuchte positive Zustand umfasst mehr als nur körperliches, er betrifft auch seelisches Empfinden. Hier greift meiner Ansicht nach der Begriff der Leidenschaft, weil Leidenschaft ebenfalls über das rein körperliche Erleben hinausgeht und seelische Bereiche streift.

Leidenschaft als Phänomen ist nicht neu.

Der Rausch der Verliebtheit wurde in allen Kulturen geschätzt und zu allen Zeiten gesucht. Leidenschaft scheint große Macht auf den Menschen auszuüben, weshalb sie ihn zu allen möglichen und unmöglichen Verhaltensweisen veranlasst. Was tut dieser so wichtige Zustand für die und mit den Menschen? Antworten hierauf ergeben sich aus der Um- und Beschreibung der leidenschaftlichen Erfahrung:

»Dann vergesse ich mich selbst«, »Nirgendwo sonst kann ich derart loslassen«, »Man taucht ein und ist weg«, »Ich verliere den Kopf«, »Alles ist weg, nur noch der Augenblick ist da«, »Sich Auflösen und Einswerden«.

Leidenschaft ruft einen Rausch aufgrund sexueller Aktivität hervor. Der Körper schüttet »Glückshormone« aus, die Zeit löst sich auf und die Grenzen der Person ebenfalls. Leidenschaft ist legale Droge. Und weil Menschen den Rausch brauchen, können sie auch auf Leidenschaft nicht verzichten.

Im Rausch der Leidenschaft überwindet der Mensch seine inneren Grenzen, wird »… waghalsig zumindest nach innen, d. h. gegen die eigenen Ängste.«—in der Leidenschaft überwindet der Mensch sozusagen sich selbst, verlässt er seine Identität, die ihn einerseits absichert, aber andererseits einsperrt. Deshalb, um der Enge seiner Selbstdefinition zu entkommen, sucht er gelegentlich einen Zugang zur Welt jenseits des Ich, jenseits von Vernunft, Planung, Moral, Anstand und Sitte.

In der Leidenschaft zeigt die Sexualität einen transpersonalen Aspekt.

Konzentrierte Sinnlichkeit hat von jeher eine Brücke zu der »anderen« Welt, der Welt jenseits von Alltag und Normalität hergestellt. Die Trancetänze der Urvölker, religiöse Riten, die Orgien der Griechen und Römer waren legale Möglichkeiten der Grenzüberschreitung.

Heute, da wir nicht mehr über die Rituale der Urvölker verfügen, ist leidenschaftliche Sexualität eine der wenigen verbleibenden legalen Möglichkeiten der Grenzüberschreitung. In der definierten Welt mit ihren definierten Zielen wird Leidenschaft zu einem der letzten Orte, an denen Abenteuer und Befreiung möglich scheinen.

Der leidenschaftliche Mensch verwandelt sich vom Kopfmenschen zum Fühlmenschen und tut Dinge, die er normalerweise nicht tun würde. Betrachten wir das einmal praktisch am Beispiel eines anständigen Mannes und einer anständigen Frau, und lassen Sie uns das Paar in einem leidenschaftlichen Moment belauschen, in welchem beide »aus sich herauskommen« und der Struktur ihres Begehrens folgen.

Der Mann beginnt die Frau zu erregen, worauf sie unschuldig haucht: »Was machst du da?« Er drängt weiter und versichert: »Nichts.« Daraufhin fleht sie: »Lass das, das ist unanständig.« usw. Dies alles, während sie es »treiben«. Was ist so erregend an diesem Spiel? Während sie anständig spielen, können die Partner real unanständig werden, lustvoll und geil, aber heimlich. Sie überschreiten die Grenzen ihrer Normalität und teilen ein leidenschaftliches Geheimnis miteinander.

In ihrer Funktion der Grenzüberschreitung

widerspricht die Leidenschaft keineswegs der Normalität, sie ergänzt und stützt diese vielmehr. Denn ein wesentliches Merkmal des leidenschaftlichen Rausches ist seine zeitliche Begrenzung. Dem Rausch folgt die Rückkehr in die Normalität, die jetzt wieder etwas farbiger erscheint, weil man in der Fremde war. Man kehrt zu sich zurück, weil man Abstand zu sich hatte und daher Abenteuer und Erneuerung möglich wurden. Wenn Menschen fremdgehen, sprechen sie ja tatsächlich davon, »ein Abenteuer« erlebt zu haben. Und so ist es auch. Das Abenteuer ist nur in der Fremde möglich.

Nun werden etliche Experten einwenden, derartige Leidenschaft habe nichts mit Liebe zu tun. Doch wenn zwei Menschen sich leidenschaftliche Abenteuer ermöglichen, werden sie ganz selbstverständlich einander die Herzen öffnen und lieben. Auch leidenschaftliche Liebe ist eine Erscheinungsform der Liebe. Sie kann in der Dauerpartnerschaft vorkommen und ebenso außerhalb davon. Sie wird sich jedoch nicht an Vorgaben halten und in zugewiesenen Bahnen verlaufen, sondern sich ausschließlich vom Begehren leiten lassen.

Aus dem transpersonalen Charakter der Sexualität ergibt sich eine weitere Erklärung dafür, warum Leidenschaft in der Dauerbeziehung schließlich nachlässt. Abenteuerliches Erleben kann im Kontakt mit dem gewohnten Partner auf Dauer kaum erreicht werden. Leidenschaft sucht nicht nur das psychisch Fremde, sondern auch das körperlich Fremde, den fremden Geruch, die fremde Haut, den fremden Körper, die erregende Entdeckung des Neuen und Unbekannten. So etwas lässt sich nicht willkürlich erzeugen, weshalb Partner frustriert reagieren, sobald sie versuchen, die Leidenschaft willentlich zu erzeugen.

So wie Al in der geschilderten TV-Serie sein Glück im Nachtclub sucht, so weichen daher nicht wenige Partner beispielsweise in die Masturbation aus, wo sie den Strukturen ihres Begehrens folgen können, ohne auf die Ansprüche des Partners Rücksicht nehmen zu müssen. Weil die harmonische Dauerbeziehung wenig Platz für Unvernunft und irrationale Sehnsüchte lässt, bricht die Leidenschaft aus ihr aus und erobert sich andere Räume. In der Fantasie, im Internet, im Pärchenclub können die Partner dem Fremden begegnen, das Unerhörte tun, der Unvernunft Platz lassen, ihrer Leidenschaft frönen.

Titel: Die Liebes-Lüge und Irrtümer in sich

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